Facebook-Enthüllung ohne echte Tiefe
MEIN TRAUMJOB BEI FACEBOOK UND WIE ICH ALLE MEINE IDEALE VERLOR
Roman
Rezensionsexemplar – Taschenbuch

Sarah Wynn-Williams beginnt ihre Karriere bei Facebook voller Idealismus. Sie träumt davon, die Technologie zum Guten zu nutzen, Menschen und Gemeinschaften weltweit zu helfen. Sie macht schnell Karriere, trifft führende Politiker, fliegt mit Mark Zuckerberg im Privatjet zu wichtigen Terminen rund um den Globus. Doch je größer Facebook wird, desto mehr wird Sarah mit der Doppelmoral, der Frauenfeindlichkeit und den ethischen Problemen des Unternehmens konfrontiert. Sie schildert, wie das Unternehmen auf Forderungen aus Diktaturen eingeht, wie Zuckerberg auf die Wahl Trumps reagiert, und wie wenige Menschen unvorstellbare Macht in ihren Händen halten – ohne echte Verantwortung zu übernehmen.
„Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor“ behandelt ein hochrelevantes Thema – die Machtverhältnisse in einem der einflussreichsten Technologiekonzerne der Welt und die ethischen Dilemmata, die damit einhergehen. Doch trotz der interessanten Geschichte scheitert das Buch in der Umsetzung. Der Schreibstil ist schwach, die Erzählstruktur fragmentarisch, und die Charakterzeichnungen bleiben oberflächlich.
Das klingt nach einem fesselnden Buch. Doch in der Praxis ist es frustrierend zu lesen. Das größte Problem ist der Schreibstil: Er wirkt amateurhaft, als hätte ein Teenager das Buch geschrieben. Die Sätze sind oft langatmig und nichtssagend. Viele Erzählungen werden angeschnitten und verlaufen sich dann ins Leere. Ein Beispiel: Sarah berichtet von ihrer zweiten Schwangerschaft und einer traumatischen Geburt – doch später werden die Kinder kaum noch erwähnt. Das Buch verliert dadurch an Authentizität und Tiefe.
Ein weiteres großes Manko ist die Charakterzeichnung. In dem Buch werden viele Personen erwähnt, die jedoch nur sehr kurz vorgestellt werden. Von Kapitel zu Kapitel werden diese Personen eher fremder als zugänglicher. Man lernt sie nie wirklich kennen. Hinzu kommt: Andere Enthüllungsbücher beigefügt Fotos aus den erzählten Geschichten – dieses Buch nicht. Das hätte der Glaubwürdigkeit und Anschaulichkeit gutgetan.
Die Stimmung in Meetings, Besprechungen und auf Reisen wird als unerträglich beschrieben – viele Dinge durften nicht besprochen werden, um Mark nicht zu verärgern. Das ist ein wichtiger Punkt, der die toxische Unternehmenskultur zeigt. Doch beim Lesen entsteht der Eindruck, dass Sarah ihre unausgesprochenen Worte an Mark nun über das Buch loswerden möchte. Sie schreibt ihre Meinung zu Gesprächen und Visionen detailliert, lang und dennoch oft nichtssagend. Es wirkt weniger wie eine Analyse, mehr wie eine persönliche Abrechnung – was das Buch an Objektivität kostet.
„Ich nehme an, so verhält man sich wohl, wenn man so wie Mark in einer Blase lebt. Aber Blase ist das falsche Wort. Eine Blase würde bedeuten, dass der darin Eingeschlossene durch deren dünne Wände nach draußen sehen kann. […] Mark bewohnt jedoch eher so etwas wie eine blickdichte Kuppel. Eine undurchdringliche Festung, die die ihn vom Rest der Welt abschirmt.“
Seite 339
Besonders fragwürdig ist auch Sarahs Verhalten selbst: Sie war eine Absolventin der Rechtswissenschaften, arbeitete bei der UN – und blieb trotzdem Jahre bei Facebook, während sie die ethischen Probleme des Unternehmens zunehmend erkannte. Das wirft Fragen auf, die das Buch nicht befriedigend beantwortet. War es Naivität? Karrieredenken? Oder – wie einige vermuten – schreibt Sarah das Buch teilweise als Selbstrechtfertigung und Exkulpation für ihre eigene Rolle bei Facebook?
Was das Buch hingegen leistet: Es zeigt, wie die Technologie, die so viel Gutes bewirken könnte, tatsächlich missbraucht wird. Wie Nutzer manipuliert werden, ohne es zu bemerken. Wie „kostenlose“ Dienste in Wahrheit den Nutzer selbst zum Produkt machen. Wie Falschinformationen und Manipulation Millionen von Menschen beeinflussen. Das ist wichtig und wertvoll – und es erfordert Mut, dieses Buch zu veröffentlichen.
Doch die schwache Umsetzung, der amateurhafte Schreibstil und die fragmentarische Erzählstruktur machen es schwer, das Buch zu empfehlen. Es liest sich stellenweise wie eine Ansammlung locker verbundener Anekdoten statt wie eine kohärente Analyse. Wer sich intensiv für die inneren Machtverhältnisse bei Facebook interessiert und bereit ist, sich durch den schwachen Stil zu kämpfen, wird einige wertvolle Informationen finden. Für alle anderen ist es eine mühsame Lektüre, die mehr frustriert als aufklärt. Das Buch hätte ein wichtiges Werk sein können – stattdessen ist es eine verpasste Gelegenheit. Ich vergebe 2 von 5 Sternen.

MEIN TRAUMJOB BEI FACEBOOK UND WIE ICH ALLE MEINE IDEALE VERLOR
Originaltitel: Careless people (englisch)
Erscheinungsdatum: 11. Juni 2026
Autorin: SarahWynn-Williams
Übersetzt von: Dorothee Merkel
Verlag: KiWi
Seitenanzahl: 496 Seiten
ISBN: 978-3-462-01460-0