Zwischen Rettung und Wahnsinn
STATION 22. WO BIST DU SICHER?
Psychothriller
Rezensionsexemplar – Hörbuch

In der psychiatrischen Klinik Østmarka arbeitet die junge Krankenschwester Ida auf der Station 22, einer Spezialabteilung für erstmals erkrankte junge Erwachsene. Ida kümmert sich intensiv um ihre Patientinnen – besonders um die achtzehnjährige Fanny, zu der sie eine starke emotionale Verbindung aufbaut. Als Fanny kurz nach ihrer Entlassung spurlos verschwindet, ist Ida überzeugt, dass die junge Frau entführt wurde – genau wie sie selbst als Kind. Während alle von Flucht sprechen, bohrt sich ein brutaler Verdacht in Idas Bewusstsein: Ihr Peiniger aus der Vergangenheit hat sie aufgespürt und scheint erneut zuzuschlagen. Als eine zweite Patientin verschwindet, wird es zur grausamen Gewissheit. Um die vermissten Frauen zu retten, muss Ida in die Abgründe ihrer eigenen Psyche steigen und die Mauer durchbrechen, die sie vor der Wahrheit schützt. Je tiefer sie eindringt, desto verschwommener werden die Grenzen zwischen Realität und Trauma.
Der Einstieg in die Geschichte ist gelungen. Die düstere Klinik-Atmosphäre und das rätselhafte Verschwinden schaffen eine beklemmende Stimmung, die den Leser sofort in ihren Bann zieht. Doch nach diesem vielversprechenden Start wird die Geschichte zunehmend wirr und langgezogen. Die Spannung, die anfangs aufgebaut wird, flacht ab und kehrt erst gegen Ende wieder zurück – dazwischen liegt eine lange, zähe Strecke, die echtes Durchhaltevermögen erfordert. Es ist ein Buch, aus dem man viel mehr hätte machen können.
Die Charaktere sind detailliert ausgearbeitet, doch Hauptfigur Ida wirkt eigenartig unsympathisch und emotional distanziert. Eine echte Verbindung zum Leser baut sich kaum auf, was es schwierig macht, sich in ihre Situation hineinzuversetzen. Dies ist besonders schade, da gerade eine starke emotionale Bindung zur Protagonistin einen Psychothriller tragen könnte. Was Anne Elvedal gelungen ist, ist die Schaffung einer intensiven, düsteren Atmosphäre. Die Abgründe der Psyche werden ausgelotet, und die Geschichte behandelt traumatische Themen mit großer Ernsthaftigkeit. Allerdings sollten zarte Gemüter sich bewusst sein, dass dieses Buch besonders zum Ende hin sehr triggernde Inhalte enthält. Die psychologische Belastung ist erheblich.
Der Schreibstil ist intensiv und emotional, wirkt aber teilweise verwirrend. Besonders zu Anfang sind die Sätze abgehackt, die Kommasetzung wirkt willkürlich. Dies erschwert den Lesefluss und macht das Buch anstrengend. Hinzu kommt, dass die Zusammenhänge sich spät klären und das Ende konfus wirkt, statt erlösend zu sein. Es fehlt jener Moment, in dem der Leser merkt, geschickt manipuliert worden zu sein – stattdessen bleibt man ratlos zurück.
„Station 22″ hätte ein großartiger Psychothriller sein können. Das Konzept ist stark, die Atmosphäre düster und fesselnd. Doch die Umsetzung lässt zu wünschen übrig: Die Geschichte wird zu wirr, zu langgezogen und emotional schwer zugänglich. Ida bleibt eine distanzierte Figur, und die Spannung verpufft, statt zu wachsen. Für Fans von intensiven Psychothrillen mit düsterer Atmosphäre könnte es trotzdem interessant sein – allerdings sollte man sich auf eine anstrengende Lektüre einstellen, die nicht immer lohnt.
Das Konzept ist düster und atmosphärisch dicht – doch die Umsetzung enttäuscht leider auf ganzer Linie. Ich vergebe 3 von 5 Sternen.

STATION 22. WO BIST DU SICHER?
Originalsprache: Norwegisch
Erscheinungsdatum: 28. August 2025
Autorin: Anne Elvedal
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
Gelesen von: Sarah Dorsel
Verlag: Hörbuch Hamburg
Spieldauer: 9 Stunden 37 Minuten
EAN: 9783844943603